07. Mai 2011 Viola Wyss im "Der Bund"
15. Mai 2011 Internationaler Tag der Familien
Interview mit Lienhard Valentin

 

Bern

Hilfe zur Selbsthilfe statt externe Betreuung

Von Sebastian Meier. Aktualisiert am 07.05.2011

Mit ihrem Familienzentrum in Uettligen will Viola Wyss gleichzeitig Eltern entlasten und sie zum Engagement für ihre Kinder ermutigen.

Projektinitiatorin Viola Wyss mit ihren Schützlingen im Familienzentrum Uettligen. (Adrian Moser)

Projektinitiatorin Viola Wyss mit ihren Schützlingen im Familienzentrum Uettligen. (Adrian Moser)

Familienzentren in Bern

Das Konzept der Familienzentren damals Mütterzentren wurde in den Siebzigerjahren in Deutschland entwickelt und vereinte erstmals Betreuung, Beratung, Bildung und Begegnung unter einem Dach. In der Schweiz wurde die Idee erstmals 1988 in Bern-West adaptiert. Das Familienzentrum Uettligen ist die jüngste von insgesamt 22 Institutionen, die sich dem Dachverband der Schweizerischen Mütterzentren (DVSM) angeschlossen haben. Weitere Familienzentren finden sich unter anderem in Bern, Gümligen oder Biel. Vollständige Liste auf Link

Schon am frühen Vormittag ist der Lärmpegel beachtlich im Familienzentrum Uettligen. Während sich die Vorschulkinder im Spielzimmer austoben, nehmen deren Mütter langsam, aber sicher die Cafeteria in Beschlag. In Sicht- und Hörweite zu ihren Sprösslingen diskutieren sie bei Kaffee und Gipfeli entspannt über Gott, die Welt und die alltäglichen Probleme des Mutterseins. Mittendrin auch Viola Wyss mit ihrer vierjährigen Tochter. Wyss ist nicht nur Präsidentin des Zentrums und Eigentümerin des umgebauten Gasthofes im Uettliger Dorfkern, sondern auch selbst Kundin und Mitarbeiterin im Familientreff. Innert zweier Jahre ist dank der Initiative der zweifachen Mutter aus dem «düsteren Spunten» ein belebtes Familienzentrum entstanden.

«180 Grad in die andere Richtung»

Das Prinzip des Familienzentrums ist nicht neu und hat sich bereits vielerorts bewährt (siehe Info-Box). Während sich die Politik zunehmend auf die externe Kinderbetreuung konzentrierte, entschied sich Wyss bewusst, «180 Grad in die andere Richtung» zu gehen. Sie wollte ein Angebot für Eltern schaffen, die sich «auf das Abenteuer Kind einlassen» und dafür nötigenfalls auch die Karriere zurückstellten. Sie selbst wollte damals ihr Kind nicht abgeben, sondern in ihre Rolle als Mutter hineinwachsen.

Aus eigener Erfahrung wisse sie aber auch, dass einem dieser Prozess rasch über den Kopf wachsen könne. «Zur Mutterrolle gehören auch Ängste und Selbstzweifel.» Ziel sei es deshalb gewesen, ein entspanntes Umfeld zu schaffen, in dem Fragen rund um das Elternsein offen und unverkrampft gestellt werden könnten. Weil viele Eltern ähnliche Sorgen hätten, könnten diese sich gerade bei alltäglichen Fragen am besten gegenseitig weiterhelfen, sagt Wyss.

«Wir gehen grundsätzlich davon aus, dass die Eltern schon vieles richtig machen», fasst Wyss den Ansatz des Projektes zusammen. Die professionelle Kinderbetreuung ist folglich nur eine Facette im Konzept des Familienzentrums und wird nur an drei Nachmittagen pro Woche angeboten. Viel wichtiger sei es, die Eltern für die Bedürfnisse ihrer Kinder zu sensibilisieren und ihnen dadurch ein gesundes Selbstvertrauen zu vermitteln. Im sogenannten Entdeckungsraum sollten die Eltern etwa ihren Kindern beim Spielen zusehen und lernen, den «Helferreflex» zu unterdrücken. Ergänzt wird das Angebot durch eine kostenlose Familienberatung sowie verschiedene Kurse von Eltern und externen Experten.

Erfahrung als Ressource

«Noch ist unser Familientreff ein Baby», sagt Wyss. Ob das «Baby» aber laufen lernt, hängt vor allem von den Familien ab, die dem Treffpunkt Leben einhauchen sollen. Noch werden dem Uettliger Familientreff die Türen nicht eingerannt, und die meisten Kunden stammen aus dem Bekanntenkreis der Initiantin. Langfristig wäre es aber das Ziel, dass neue Eltern den Treffpunkt selber übernehmen und weiterführen als Mitarbeiter, Berater, Kursleiter und Träger des Vereins. Acht Mütter sind mittlerweile ehrenamtlich am Projekt beteiligt, nur zwei davon haben eine fachliche Ausbildung. Gerade die fehlende Fachausbildung der Mitarbeiterinnen führe bei vielen Eltern zu Skepsis gegenüber dem gesamten Konzept. Gerade auf dem Land sei der Begriff Familienzentrum zudem noch kaum bekannt, obwohl laut Wyss eine grosse Nachfrage nach derartigen Angeboten besteht.

Kaum Bereitschaft für Ehrenamt

Auch personell stellen sich Probleme. So sei es etwa schwierig, Eltern zu finden, welche sich ehrenamtlich für das Projekt engagieren wollten. «Die meisten ziehen sich wieder aus dem Verein zurück, sobald ihr Kind eingeschult wird.» Und auch finanziell ist das Familienzentrum noch nicht über den Berg. Die Fördergelder zweier Stiftungen laufen demnächst aus, und den Gemeindebeitrag von jährlich 300 Franken bezeichnet Wyss als «eher symbolisch». (Der Bund)


 



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